• Engagement
Personen auf einer Demonstration, die das Foodsharing Banner tragen.

Lebensmittelverschwendung in Deutschland

In Deutschland landen jedes Jahr rund zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel im Abfall statt auf dem Teller. Die Gründe hierfür sind vielfältig und betreffen sowohl Händler*innen als auch Verbraucher*innen. Lebensmittel mit „Schönheitsfehlern“, die zum Beispiel sehr krumm sind oder eine vernarbte bzw. leicht verletzte Schale haben, werden häufig gar nicht erst im Supermarkt angeboten. Teilweise kommt es aufgrund von Überproduktion auch zu erschöpften Lagerkapazitäten, wodurch überschüssige Lebensmittel entsorgt werden. Neben den Supermärkten stehen jedoch auch Verbraucher*innen in der Verantwortung, denn sie tendieren häufig dazu, mehr Lebensmittel einzukaufen als sie konsumieren können. Nicht selten landen deshalb noch genießbare  Produkte im Müll, bei denen lediglich das MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum) abgelaufen ist. So kommen große Mengen an unnötigen Abfällen zusammen: Insgesamt bestehen 40% der Lebensmittelverluste in Industrienationen aus Lebensmitteln, die für den Verzehr völlig unbedenklich wären.

Foodsharing e.V. – eine Initiative für Lebensmittelrettung

Mit dem sehenswerten Film „Taste the Waste“ von Valentin Thurn, der leider bis heute nicht an Aktualität und Relevanz eingebüßt hat, gelangte das Thema Lebensmittelverschwendung in die öffentliche Debatte in Deutschland. In Anlehnung an den Film wurde in Berlin im Jahre 2012 der Verein foodsharing e.V. ins Leben gerufen. In etwa zur selben Zeit überzeugte Raphael Fellmer die ersten Bio-Supermärkte in Berlin davon, ihre überschüssigen Lebensmittel gratis weiterzugeben, anstatt sie abends nach Ladenschluss zu entsorgen. Diese Lebensmittelrettung organisiert er auf der gleichnamigen Plattform lebensmittelretten.de. Im Jahr 2013 verschmolzen die zwei Initiativen und erweiterten ihr Gebiet auf ganz Deutschland und schließlich auch auf Österreich und die Schweiz. Mittlerweile gibt es über 200.000 registrierte Nutzer*innen.

Viele Lebensmittel sind im Kofferraum eines Autos gestapelt.

Teller statt Tonne

Bis heute ist das Ziel von foodsharing, überproduzierte Lebensmittel aus dem Handel und überschüssige Lebensmittel in privaten Haushalten vor dem Verderb und damit der Abfalltonne zu retten. Im gewerblichen Bereich werden die Lebensmittel etwa von Supermärkten, Restaurants oder Großmarkthallen gespendet. Extra ausgebildete Foodsaver nehmen die Lebensmittel entgegen und können diese dann selbst verwerten oder unentgeltlich an Privatpersonen weiterverteilen, sofern sie noch genießbar sind. Insbesondere werden auch Lebensmittel, die das MHD bereits überschritten haben, mit in den Prozess aufgenommen. Zu diesem Zweck übernehmen die zuständigen Foodsaver im Rahmen einer Rechtsvereinbarung die Verantwortung, falls sie die Lebensmittel weiterverschenken und nicht selbst verwerten. Betriebe sind somit von der Haftung ausgeschlossen. Darüber hinaus sind private Abnehmer*innen angehalten auch selbst auf die Verzehrbarkeit der Lebensmittel zu achten.

Im privaten Bereich können Lebensmittel, die man nicht mag oder nicht mehr braucht, als sogenannte „Essenskörbe“ auf der foodsharing-Plattform angeboten und verschenkt werden. Wer also in den Urlaub fährt oder spontan ein paar Tage weg ist, im Kühlschrank aber z.B. noch eine offene Milch, eine Stück Käse oder diverses Obst und Gemüse hat, kann die Lebensmittel mit wenigen Klicks und einem Foto als Essenskorb auf der foodsharing-Map veröffentlichen. In der Regel dauert es nicht lange und schon findet sich ein Interessent, der vorbeikommt und die Produkte abholt. Da foodsharing auf die Qualität der Essenskörbe keinen Einfluss hat, liegt die Verantwortung bei privaten Anbieter*innen und Abnehmer*innen.

Abgesehen von Essenskörben werden die Lebensmittel auch an zentralen Stellen, sogenannten „Fairteilern“ angeboten. Hierbei handelt es sich um öffentlich zugängliche Orte mit offenen Regalen oder Kühlschränken, wo Menschen Lebensmittel abgeben bzw. kostenlos mitnehmen können. Diese Fairteiler sind in etwa vergleichbar mit öffentlichen Büchertausch-Schränken.

Nachhaltiger Konsum im Vordergrund

Der Verein foodsharing e.V. sieht seinen Auftrag aber nicht nur in der aktiven Lebensmittelrettung bereits produzierter Produkte, sondern möchte auch einen Umdenkprozess in der Gesellschaft anstoßen. Leitgedanke der Initiative sind nachhaltiger Konsum, Umweltschutz und ein sensibler Umgang mit den Ressourcen auf diesem Planeten. Foodsharing versteht sich als bildungspolitische Bewegung und fordert etwa einen Wegwerfstopp für Supermärkte und setzt sich dafür ein, dass weniger Verpackungsmüll entsteht. Gemeinsam mit seinen ehrenamtlichen Mitgliedern möchte der Verein den Lebensmitteln wieder den Respekt und die Wertschätzung zukommen lassen, die sie verdienen. Ziel ist es, dass sich foodsharing irgendwann selbst überflüssig macht. Je erfolgreicher die Initiative, desto weniger Lebensmittel werden in Zukunft verschwendet.

Foodsharing Stand auf einem Straßenfest.

FAIRteiler in deiner Nähe

Finde den nächsten FAIRteiler in deiner Nähe und helfe Foodsharing dabei, Lebensmittel zu retten:

LENA im Gespräch

Interview mit dem Geschäftsführenden Vorstand des Ortsvereins „foodsharing München mit angrenzenden Kreisen e.V.“ Kieran Oswald:

Wie und warum bist du zu foodsharing gekommen?

Ich bin seit 2019 Geschäftsführender Vorstand des Ortsvereins “foodsharing München mit angrenzenden Kreisen e.V.”. Seit vier Jahren bin ich bei foodsharing aktiv. Damals hatte mich meine Mutter auf die Initiative aufmerksam gemacht. Im Vordergrund stand und steht für mich die Verwertung von noch genießbaren Lebensmitteln, um die Umwelt und Ressourcen zu schonen.

Inwiefern ist foodsharing nachhaltig?

Das Hauptziel von foodsharing ist es, die Menge an Lebensmittelmüll zu reduzieren. Allein in München werden täglich rund 160 Tonnen Biomüll entsorgt und davon sind circa 60 Tonnen noch genießbar! Foodsharing setzt an verschiedenen Stellen an. Einerseits geht es um die Aufklärung von Privatpersonen, die tatsächlich für mehr als die Hälfte des Lebensmittelmülls verantwortlich sind. Auf der anderen Seite möchten wir auch die Betriebe sensibilisieren, indem wir ihnen zeigen, wieviel Lebensmittel bei ihnen noch gerettet werden können. Foodsharing ist nachhaltig, weil wir die Wertschätzung der Ressourcen fördern und die Menge an Abfall reduzieren.

Was ist für die Zukunft geplant? Wollt ihr auch politisch aktiv werden?  

Unser langfristiger Plan ist die Menge an genießbaren Lebensmitteln, die im Müll landen, zu reduzieren. Hierzu gibt es verschiedene Arbeitsgruppen, die Aktionen planen und politische Verknüpfungen aufbauen. Ein mittelfristiger Plan ist, die Gesetzeslage zu ändern, sodass es Lebensmittelhändlern nicht mehr gestattet ist, genießbare Lebensmittel in die Tonne zu schmeißen.

Ist es schwierig, neue Kooperationspartner für foodsharing zu finden? Welchen Anreiz haben Supermärkte oder Gastro-Betriebe bei euch mitzumachen?

Das hängt ganz davon ab, wo man gerade ist. In Großstädten wie München ist es nicht schwierig, kooperationsbereite Betriebe zu finden. Tatsächlich haben diese Betriebe auch viele Vorteile: Neben dem finanziellen Anreiz durch zum Beispiel weniger Müllgebühren, setzen sich diese Betriebe für mehr Nachhaltigkeit ein und können dieses Engagement auch ihren Kunden kommunizieren. Auf Wunsch bekommen sie dafür von uns Aufkleber, die zeigen, dass sie bei foodsharing mitmachen.

Tafeln und andere soziale Initiativen geben Lebensmittel an Bedürftige ab. Foodsharing legt den Fokus auf die Lebensmittelrettung und so erhalten auch viele Menschen kostenlose Lebensmittel, die es nicht zwingend nötig hätten. Seht ihr darin einen Konflikt?

Wir sind definitiv nicht in Konflikt mit der Tafel. Foodsharing ist immer die letzte Instanz, wenn es darum geht, Lebensmittel vor der Tonne zu retten. Alle anderen Organisationen haben immer Vorrang, vor allem die Tafeln, die mit Lebensmittelspenden Bedürftige versorgen. Es gibt aber Situationen, in denen die Tafel die Lebensmittel nicht abholen bzw. annehmen darf, zum Beispiel bei falschen Warengruppen, zu kleinen Mengen, Produkten bei denen das MHD überschritten ist. Hier kann foodsharing gut einspringen.

Wie können unsere LENA Nutzer*innen aktiv werden bzw. sich engagieren? Vielleicht ein abschließender Tipp, wie man weniger verschwenderisch mit Lebensmitteln umgehen kann?

Zuerst sollte jede/r bei sich zu Hause darauf achten, nichts mehr wegzuschmeißen, was man eigentlich noch essen könnte. Manchmal handelt es sich nur um ein etwas älteres Stück Brot oder Obst und Gemüse mit Macken. Das Meiste kann man noch bedenkenlos essen, es muss nur richtig zubereitet werden. Wer seinen eigenen Kühlschrank im Griff hat und sich noch mehr einbringen möchte, ist herzlich dazu eingeladen, bei foodsharing mitzumachen und mit uns gegen Lebensmittelverschwendung vorzugehen.